TL;DR: Lieferengpässe belasten Apotheken in Deutschland durch erhöhten Organisationsaufwand und erschwerte Patientenversorgung. Dieser Artikel zeigt Ursachen, Auswirkungen und praktische Lösungen, inklusive Tipps zur Beschaffung, Lagerhaltung und Kommunikation mit Patientinnen und Patienten.
Lieferengpässe werden im Apothekenalltag zur wachsenden Herausforderung
Lieferengpässe bei Medikamenten belasten zunehmend die tägliche Arbeit in Apotheken – und sie belasten auch Patientinnen und Patienten. Ein neuer Bericht (2024) zeigt, dass über die Hälfte der Apotheken mehr als 10 % ihrer Arbeitszeit auf das Management von Engpässen verwenden.
Key Insight:
Parallelimporte bieten eine wirkungsvolle Möglichkeit, Versorgungslücken zu schließen und gleichzeitig Kosten zu optimieren.
Ursachen für Lieferengpässe bei Medikamenten
Typische Gründe für Medikamentenengpässe:
- Produktionsprobleme: Ausfälle in der Herstellung, z. B. durch Rohstoffmangel oder technische Defekte.
- Logistikprobleme: Die Abhängigkeit von globalen, hochkomplexen Lieferketten macht den Transport von Rohstoffen und fertigen Medikamenten anfällig für Störungen, was wiederum zu Verzögerungen führen kann. Während der Corona-Pandemie wurden diese Schwächen besonders deutlich.
- Marktdynamiken: Preisregulierungen und geringe Gewinnmargen (Kostendruck) bei generischen Medikamenten erschweren Investitionen in größere Produktionskapazitäten. Dies führt oft zu einer Konzentration weniger Hersteller. Engpässe treten daher schneller auf, sobald einer dieser Hersteller ausfällt.
- Patentsituation: Auch bei Patenten, die in der Regel 20 Jahre ab dem Anmeldetag gelten, wo ein Wirkstoff meist nur von einem Produzenten hergestellt wird, kann es kritisch werden, wenn dieser Wirkstoff flächendeckend nicht mehr zur Verfügung steht.
- Hohe Nachfrage: Aufgrund der alternden Bevölkerung und häufigeren Krankheitsausbrüchen steigen die Anforderungen an die Gesundheitsversorgung – und damit die Nachfrage an Medikamenten.
- Domino-Effekt: Die steigende Nachfrage kann diesen Effekt auslösen: Ist ein bestimmtes Präparat nicht vorhanden, werden alternativ wirkstoffgleiche Medikamente stärker nachgefragt, was wiederum dazu führen kann, dass auch diese Alternativen nicht mehr verfügbar sind.
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Auswirkungen von Lieferengpässen auf Apotheken – mehr als nur leere Regale
Zusatzaufwand für Apothekenteams
Lieferengpässe stellen eine große Herausforderung für das gesamte Team in der Apotheke dar. In der täglichen Praxis bedeutet dies zusätzliche Belastungen, da Alternativen zu fehlenden Arzneimitteln organisiert werden müssen. Gleichzeitig steigt der Druck, Patienten zufriedenstellend zu beraten und gleichzeitig eine Lösung für ihre Bedürfnisse zu finden. Hier ist es wichtig, Vertrauen aufzubauen, Verständnis zu schaffen und die Menschen dabei zu unterstützen, auf andere Präparate auszuweichen, ohne dass ihre Therapie beeinträchtigt wird.
Diese Doppelbelastung fordert nicht nur organisatorisches Geschick, sondern auch ein hohes Maß an Einfühlungsvermögen und Flexibilität seitens des gesamten Teams in eurer Apotheke.
Belastung des Lager‑ und Bestellwesens
- Regelmäßige Bestandsüberprüfung: Überwacht den Lagerbestand und identifiziert frühzeitig potenzielle Engpässe.
- Optimierte Bestellung: Plant Bestellungen rechtzeitig und nutzt Parallelimporte, um Lieferengpässe abzufedern.
- Einfache Dokumentation: Führt übersichtliche Protokolle, um Trends zu erkennen und schnell reagieren zu können.
Wirtschaftliche Folgen
- Zusätzlicher organisatorischer Aufwand: Apotheken investieren mehr Zeit in Recherche, Kommunikation mit Lieferanten und Dokumentation.
- Kostensteigerungen: Bestellungen müssen mehrfach angepasst werden, was Personal bindet und Apotheken belastet.
- Fehlende Planbarkeit: Engpässe erschweren Kalkulationen und Einkauf, was schlussendlich zu Unsicherheiten führt.
Darüber hinaus kann sich die Versorgungslücke negativ auf das Vertrauen der Patientinnen und Patienten auswirken – mit potenziellem Imageverlust für die Apotheke. Dies reduziert oft auch spontane Käufe im OTC-Bereich und zieht weitere wirtschaftliche Einbußen nach sich.
Strategien und Lösungen für eure Apotheke
Auch wenn Lieferengpässe ein komplexes Problem darstellen, gibt es Maßnahmen, die ihr in eurer Apotheke ergreifen könnt, um besser vorbereitet zu sein:
- Datenbanken nutzen: Pharmazeutische Unternehmen und Arzneimittelgroßhändler müssen das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) über drohende und bestehende Lieferengpässe versorgungsrelevanter Arzneimittel informieren. Die BfArM-Datenbank bietet aktuelle Informationen über nicht lieferbare Medikamente und Alternativen.
- Proaktives Lagermanagement und Vorratshaltung: Analysiert die Abverkäufe vergangener Monate und vergleicht ggf. den gleichen Zeitraum im vergangenen Jahr (Stichwort Saisonalität), um den Bestand besser planen zu können. Durch eine effektive Lagerhaltung und Bestandsverwaltung könnt ihr besser auf Engpässe reagieren.
- Diversifizierung von Lieferquellen: Die Nutzung verschiedener Lieferanten kann das Risiko von Lieferengpässen verringern. Auch durch den Direktbezug beim Hersteller können manchmal kurzweilige Lieferengpässe von Großhändler umgangen werden.
- Parallelimportierte Arzneimittel: Der Import von Arzneimittel aus anderen EU-Ländern stellt ebenfalls eine gute und schnelle Alternative dar, insbesondere bei chronischen Engpässen.
- Einzelimporte: Apotheken dürfen unter bestimmten Bedingungen Arzneimittel importieren, wenn diese auf dem deutschen Markt nicht verfügbar sind. Gemäß § 73 des Arzneimittelgesetzes (AMG) besteht die Möglichkeit, eine Menge an ausländischer Ware zu beziehen, um die Versorgung zu gewährleisten. In solch einem Einzelfall muss es sich jedoch um eine Bestellung für eine Einzelperson handeln und das Produkt muss im Exportland rechtmäßig in den Verkehr gebracht worden sein.
Entwicklung der Lieferengpässe in Deutschland
Quelle: Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (*Stand 31.12.25); Grafik: Abacus Medicine
Welche Medikamente sind nicht lieferbar?
Eine aktuelle Liste von gemeldeten Lieferengpässen bei Humanarzneimittel (ohne Impfstoffe) findet ihr auf der Seite des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM).
Zusätzlich bietet die Gelbe Liste weitere aktuelle Informationen zu Lieferengpässen, sodass Apotheken den Überblick über kurzfristige Veränderungen behalten.
Auch die Europäische Arzneimittelagentur (EMA) veröffentlicht eine Liste von Lieferengpässen, von denen mehrere Mitgliedstaaten der EU betroffen sind oder betroffen sein könnten.
Bei Impfstoffen wendet euch bitte an das Paul-Ehrlich-Institut.
Ein Blick in die Zukunft
Mit dem sogenannten ALBVVG (Arzneimittellieferengpassbekämpfungs- und Versorgungsverbesserungsgesetz) hat die Bundesregierung bereits gesetzliche Maßnahmen auf den Weg gebracht, um Lieferengpässe bei Medikamenten gezielt zu bekämpfen und die Versorgung zu verbessern.
Um Lieferengpässe nachhaltig zu reduzieren, müssen jedoch politische Rahmenbedingungen geschaffen werden. Dies hat sich die Bundesregierung zur Aufgabe gemacht und sieht dafür unter anderem folgende Maßnahmen vor:
- Herstellung in Europa stärken: Damit soll die Zahl der Arzneimittel-Anbieter erhöht und die Vielfalt der Arzneimittel-Lieferkette vermehrt diversifiziert werden.
- Behördliche Vorgaben: Im Falle eines existierenden oder drohenden Lieferengpasses können für versorgungskritische Arzneimittel Vorgaben zur Lagerhaltung gegenüber pharmazeutischen Unternehmen und Arzneimittelgroßhändler durch die Bundesbehörde erteilt werden.
- Austauschregeln: Die Abgabe von wirkstoffgleichen Arzneimittel bei nichtvorhandensein bestimmter Arzneimittel soll vereinfacht und ein Zuschlag für Apotheken und Großhändler gewährt werden.
- Eingeschränkte Kennzeichnungspflicht: Um bei existierenden oder drohenden Lieferengpässen das Angebot der auf dem deutschen Markt angebotener Arzneimittel zu erhöhen, wurde die Pflicht zur Kennzeichnung in deutscher Sprache eingeschränkt. In Ausnahmefällen sollen so künftig auch Arzneimittel abgegeben werden, die in einer anderen Sprache gekennzeichnet sind. Zur Sicherung der Arzneimittelsicherheit werden solche Präparate jedoch direkt vom Arzt bei den Patienten angewendet.
Fazit
Lieferengpässe bei Medikamenten kommen in Deutschland immer häufiger vor. Meist kann auf wirkstoffgleiche Alternativen ausgewichen werden, aber jedes Engpassmanagement bedeutet zusätzlichen Aufwand für alle Beteiligten.
Weiterführende Inhalte
Parallelimporte: Vorteile für Apotheken nutzen
Beschaffung optimieren
FAQ / Fragen und Antworten rund um Medikamenten‑Lieferengpässe
Welche Medikamente sind derzeit nicht lieferbar?
Eine aktuelle Liste findet ihr auf der Website des BfArM. Häufig betroffen sind Antibiotika, Schmerzmittel und Medikamente für chronische Erkrankungen.
Warum sind so viele Medikamente nicht lieferbar?
Die Ursachen reichen von Produktionsausfällen bis hin zu gestiegener Nachfrage. Besonders betroffen sind generische Medikamente.
Was sind Lieferengpässe?
Lieferengpässe beschreiben die zeitweise Nichtverfügbarkeit eines Medikaments, die durch externe Faktoren wie Logistikprobleme verursacht werden kann.
Wie können wir in der Apotheke reagieren?
Setzt auf proaktives Lagermanagement und Vorratshaltung, nutzt verschiedene Lieferanten, pflegt den Kontakt zu diesen Lieferanten und nutzt Parallelimporte als Alternative.
Was ist der Unterschied zwischen einem Lieferengpass und einem Versorgungsengpass?
Ein Lieferengpass bedeutet, dass ein Arzneimittel vorübergehend nicht (oder nur eingeschränkt) zu bekommen ist, während ein Versorgungsengpass die tatsächliche Patientenversorgung beeinträchtigt.
Welche Meldepflichten bestehen bei Lieferengpässen?
n Deutschland sind pharmazeutische Unternehmen verpflichtet, kritische Engpässe an das BfArM zu melden, um bei Bedarf Gegenmaßnahmen einzuleiten.


